Salzige Heringe

I. Der Kalte Krieg

Meine Kinder werden nie verstehen können, was der Kalte Krieg wirklich für die Deutschen bedeutete. Ich weiß nicht, wie die Deutschen des russischen Sektors, also die DDR-Bürger, dies erlebt haben, aber in Westdeutschland (FRG, BRD, West Germany) hatten wir Probleme damit. Wir. Ich bin 1977 geboren. Aber egal. Erst waren sie Ossis, DDRler, nach der Wiedervereinigung dann waren sie immer noch Ossis. Den Wessis ging es auch nicht toll, die Ossis galten schon bald als Feindbild, als ihr Geld 1:1 umgetauscht wurde. Das stimmt zwar nicht so hundertprozentig, weiß aber keiner und interessiert auch niemanden. Über einer gewissen Summe galt nicht mehr 1:1. Nicht mal ansatzweise. War es 1:20?

Aber trotzdem. Hunderte von Milliarden neugedruckt, das Volk bezahlt es ja. Aber das war es wert. Na ja, vielleicht hätten die Politiker intelligenteren Leuten die Umstellung überlassen sollen. Auch die Treuhand war nicht gerade genial. Hatte Tausende von Betriebe, Grundstücke, Maschinen. Macht Hunderte von Milliarden Schulden. Sehr intelligent. Läßt sich von jedem übers Ohr hauen, verscherbelt Grundstücke für eine D-Mark. Wer ist denn so dumm? Warum lenken ausgerechnet solch dumme Leute unseren Staat, in dem wir alle leben, der uns allen gehört? „Die Mächte des Wahnsinns“ von John Carpenter läuft gerade im Fernsehen. Wieder im Öffentlich-Rechtlichen. ZDF, genau wie gestern. Der Film läuft auch in Bonn und Berlin. Verstanden?

The Day After. Aber da gab es noch einen besseren Film. Ich weiß nicht mehr, wie er hieß. Zeichentrick, ein Rentnerpärchen, beide sterben. Aktuell vor 1990, besonders weit davor, als ich noch klein war. Atomenergie, Atombomben. Hiroshima, Nagasaki. Da fallen mir einige wichtige Dinge ein und ich überlege, ob ich denen ein eigenes Kapitel widmen soll. Der Golfkrieg, der Absturz der Challenger. Erdbeben in Japan, Los Angeles, jetzt in Italien. Kapitel IV? El Al in Amsterdam. Die Challenger vielleicht in Kapitel VI. Schwarz. Auch Sam Neill weigert sich, den Tatsachen ins Auge zu sehen. Ich bin müde, aber zu vollgefressen zum Schlafen. Aber das ist nichts neues, schon lange schlafe ich zu wenig und zu spät, meist von drei bis sieben, gestern von sieben bis zwölf – siehe Prolog. The Day After machte uns angst, berührte uns an unserer empfindlichsten Stelle. Die Amerikaner redeten uns ein, wir bräuchten Atomwaffen zur Abschreckung. Vielleicht. Als die erste Atomwaffe abgeworfen war – man sollte nicht vergessen, daß die ach so sauberen Amerikaner Japan dies antaten – war es nötig geworden, aufzurüsten. Aufrüstung. Schlagzeile und Thema. Politische Karikaturen. Gegenseitige Absicherung. Abschreckung. Szenerien von Atomkriegen geisterten durch die Welt. Durch die Welt? Ich weiß heute noch nicht, ob die Sowjets auch Angst hatten. Angeblich hatten sie welche, manchmal auch keine, wie man es gerade brauchte. Die Linken wehrten sich, Punks mehrten sich. Aber nur bis in die Achtziger. Mit Abklang des Kalten Krieges Aufschwung der Rechten. Linke empfindet man als asozial. Das normale Volk sympathisiert mit Nazis, Rechtsextremen, den REPs. Die NPD verteilt faschistische Gedanken, redet wie Adolf. Aber keiner tut was. Außer den Punks. Die werden aber von der Polizei eingekesselt, später bei Abwesenheit der Polizei von den Nazis verdroschen. Polizisten sind nicht perfekt, aber unsere Polizei macht zu viele Fehler, zuviele Polizisten sind zu ungeeignet, rechts oder dumm. Oder alles. Alles, oder? Alles nichts, oder?!

Militante Demonstrationen, gewalttätige Aufmärsche, Kurden verwüsten Innenstädte, blockieren Autobahnen, Chaostage Hannover 1996, Castor-Transporte. Die Polizei hat das Gesetz nicht mehr im Griff und, noch schlimmer, umgekehrt. Man bemerkt schon hier den Verfall unserer Gesellschaft. Wieso stehen Bürger neben einem brennenden Haus und klatschen den rechten Brandstiftern Beifall? Hoyerswerda – ein Schandfleck deutscher Geschichte nach 45. Aber es gab noch anderes, deren man sich in zehn, zwanzig, fünfzig Jahren wahrscheinlich nicht mehr erinnern wird. Brennende Synagogen, verwüstete jüdische Friedhöfe, ich persönlich habe zu meinem Schrecken entdeckt, daß es sogar Nazi-Satanisten gibt, Satanisten der zweiten Generation, die keine Ahnung von der Mentalität des Satanismus haben. Schlimmer, die Leute meinen, moderne Satanisten wären Nazis, Antisemiten. Damit wird die Wahrheit überspielt. Zynismus wird Nebensache. Ich erzähle das nur, um es mir von der Seele zu reden, ich erwarte nicht, daß mehr als jeder zehnte Leser sich ansatzweise mit dem modernen Satanismus auskennt. Viele denken noch, daß eine satanistische Einstellung nächtliche Orgien und Opferrituale bedeutet.

Dabei geht es mir jetzt nur um die Lebenseinstellung des modernen Satanismus. Ich führe das nur soweit aus, um nicht den Eindruck erwecken zu können, der Satanismus an sich wäre etwas bemerkenswertes. Ich bin als Freidenker am besten gefahren, habe noch nie an Gott geglaubt, schon lange nicht mehr an den Osterhasen und den Weihnachtsmann. Ich glaube nur an mich. Ein US-Amerikaner, der mich einmal im Unicenter Bochum angesprochen hat, an was ich denn glaube, wenn nicht an Gott, hat es nicht verstanden, daß ich an nichts glaube außer an das, was ich weiß. Ein dummer Mensch? Er oder ich? Ich war seit Jahren nicht in der Kirche und es war mir eine Genugtuung, dieses Jahr aus der Kirche auszutreten. Ich habe es nicht nötig, mache es aber. Aus Prinzip. Ich weiß nicht, ob man mich als Atheisten oder Nihilisten bezeichnen sollte, eigentlich ist Toleranz mein (ge)wichtigstes Attribut. Freidenker. Ich kenne alle Arten von Christen, Atheisten, Islamisten, einige Satanisten oder solche, die sich dafür halten – daher Teile meines Wissens, außerdem interessiere ich mich einfach für Mystizismus. Ich komme mit allen gut klar, solange sie tolerant sind. Die Mutter meiner Freundin beschwert sich alle paar Tage darüber, daß Ihre Enkel Heiden sein werden. Das sind die alten Weisheiten Ihres Pfarrers, Ihres und vieler Deutschen überhaupt. Diese Superchristen können nicht mal zwischen Freidenkern, Heiden, Atheisten und Satanisten unterscheiden, nicht mal ansatzweise. So eine hatte ich auch in meinem Katholische Religion-Kurs in der 13/2. In der 12 hatte ich Philosophie, doch der Lehrer war mir zu seltsam. Entschuldigung. Ich habe letzte Woche erst gelernt, daß man die Schuld immer bei sich selbst suchen muß. Aber egal. Obwohl ich evangelisch getauft, nicht aber konfirmiert bin, konnte ich „aus Gewissensgründen“ katholische Religion belegen, obwohl nach der 11 keine Kursänderungen zugelassen sind. Moralische Grauzone. Kein Problem. Ich habe eine rationale, ethisch einwandfreie Moral. Ethisch, nicht religiös. Im Fernsehen ist ein Bus, da fällt mir der Linienbus in München 1996 ein, der in einen Tunnel eingebrochen war. Tote. „Aus Gewissensgründen“, daß erinnert mich an meinen Zivildienst. Ich frage mich, wie es war, während des Kalten Krieges Zivildienst zu machen. Meine Eltern und Großeltern, im Prinzip alle Freunde und Verwandten hatten anfangs kein Verständnis für meine Entscheidung. Man versteht mich nicht, man glaubt mir meine Beweggründe nicht. Damals wäre es sicherlich schlimmer gewesen. Nicht nur, daß Kriegsdienstverweigerer allgemein nicht sehr angesehen waren, daß ihr Dienst wesentlich länger und schwerer war als heute, der Unterschied lag schon im Prinzip. Während man heute schon fast frei wählen kann – dazu gleich mehr – gehörte damals viel Mut zur Verweigerung. Es wurde einem übel genommen, es war anormal, asozial, d.h. gegen die Gesellschaft. Man mußte beweisen, daß man nicht fähig war, den Wehrdienst an der Waffe zu leisten, man wurde zur Rechenschaft gezogen. Man wurde vor ein Tribunal gestellt, daß nur damit beschäftigt war, Verweigerer bis auf die Knochen auszuziehen, eine Leibesvisitation im Gehirn durchzuführen.

‚Stellen Sie sich vor, Sie spazierten mit Ihrer Freundin im Wald, als drei dunkle Gestalten erscheinen. Sie werden an einen Baum gekettet, die Kette ist nur zwei Meter lang. Die Gestalten entfernen sich einige Meter mit Ihrer Freundin, dabei verliert einer seinen Revolver in Ihrer Reichweite. Jetzt machen die drei sich über Ihre Freundin her und vergewaltigen sie. Was tun Sie?‘ oder ‚Stellen Sie sich vor, die stehen in Köln neben dem Dom, es ist 1944 und es gibt einen Fliegerangriff. Hunderte von Menschen suchen im Dom Schutz, neben Ihnen steht ein unbemanntes Flak- Geschütz. Ein Bomber geht in den Sinkflug und öffnet seine Bombenluken. Wenn er jetzt die Bomben abwirft, werden Hunderte von Menschen getötet und Sie werden dabei zusehen müssen. Benutzen Sie die Flak?‘ waren gängige Fragen. Verweigerer waren am Boden zerstört, geistig zermürbt, wenn sie den Prüfungsausschuß hinter sich hatten und viele Verweigerungen wurden nicht anerkannt. Es muß die Hölle gewesen sein. Viele haben an sich selbst gezweifelt.

Heute dagegen ist es anders. Rein theoretisch kann jeder verweigern, viele möchten aber lieber zum Bund, wenige sind völlig vom einen oder anderen Dienst überzeugt. Seit Jahren stieg der Anteil der Verweigerer, seit 1995 aber sinken sie wieder. Fragen von vor einigen Jahren, ob der steigende Anteil der Verweigerer die Bundeswehr bedrohe, sind überflüssig geworden. Die Größe der Bundeswehr wurde reduziert, die Zahlen pendeln sich ein, dafür wurden die Dienste verkürzt. Noch vor zwei Jahren zwölf Monate beim Bund, 15 im Zivildienst, jetzt zehn bzw. dreizehn. Fair? Egal. Ich persönlich habe aus Überzeugung verweigert. Nahezu alle Kollegen, die mit mir zusammen den Dienst ableisteten (‚dienten‘ sagt man als Zivi nicht) hatten eine ähnliche Einstellung, einige waren sehr sozial, andere paßten überhaupt nicht in unsere heutige Gesellschaft, waren Relikte aus alter, längst vergangener Zeit. Ich frage mich, wie es war, in den Siebzigern aufzuwachsen. Einige waren echt seltsame Typen. Aber das lag wohl auch am Dienst, denn wir waren in der Individuellen Schwerstbehindertenbetreuung tätig, kein Fahrdienst oder Essen auf Rädern. EaR- und Fahr-Zivis verachteten wir fast, da sie keine wirklich richtigen Zivis (im Sinne von fleißigen Kriegsdienstverweigerern) sind. Sind es Drückeberger? Auf jeden Fall waren sie weniger wert als wir, sagte mir mein Sold. Schließlich hatte ich Soldstufe 3. Diese bekommt nur etwa ein Drittel aller Zivis. An der Behindertenschule hatten wir sie alle. Bei der Bundeswehr bekommt man sie so wie so automatisch. Fair? Wer sind die Drückeberger? Ich glaube nicht, daß die Bundies meinen Job machen wollten. Es war wirklich hart. Fair? Ich wiederhole mich. Gut so. Ich bin stolz darauf, den Dienst an der Waffe verweigert zu haben, außerdem war es eine gute Zeit. Seitdem der Dienst beendet ist verstehe ich mich mit meinen Kollegen von damals noch besser, wir sind eine starke Truppe. Das haben wir auch schon einmal gesungen, auf dem Weg zum Wickelraum.

Die starke Truppe. Erst kurz vor dem Abitur haben wir einst geheime Briefe und Berichte lesen und besprechen dürfen, die von amerikanischen Militärs und Botschaftern verfaßt waren, im Auftrag, die frische Bundesrepublik zu lenken, zu verwalten, auszuhorchen. Diesem Unterricht verdanke ich es, endlich verstehen zu können, weshalb wir nach dem Krieg wieder eine Armee bekommen haben. Nach all dem Leid, das unsere Groß- und Urgroßväter angerichtet haben. Viele hätten jetzt gesagt,“…das Hitler angerichtet hat“, doch so einfach ist es nicht. Nein, es war wirklich nicht so einfach. Viele Deutsche waren aktive Anhänger Hitlers, waren aktive Nazis, Antisemiten, Mörder. Ich weiß bis heute noch nicht so genau, wie mein Großvater darüber denkt, der in der Waffen-SS war. Er ist zumindest kein überzeugter Nazi, auch wenn manchmal Sprüche kommen wie „unter Hitler hätte es das nicht gegeben“. Ich komme gut mit ihm zurecht und er ist eigentlich voll in Ordnung. Das einzig negative, an was ich mich im Zusammenhang mit ihm erinnere, war seine Meinung, als ich mir im Alter von 18 oder 19 die Haare lang wachsen ließ. Da mein Vater auch stark dagegen war und ich zugeben muß, daß kurze Haare (kurz, nicht kahl!) einfach einfacher in Schuß zu halten sind, waren sie in der Zeit ums Abi wieder ab. Manchmal bereue ich dies aus tiefstem Herzen. Gerade ich, für den persönliche Freiheit das höchste Gut ist. Wie sehr sehne ich mich nach einer eigenen Wohnung. Telefonieren, Musik hören, Sex, machen was ich will. Ich bin heilfroh, nicht in der Nazi-Zeit aufgewachsen zu sein. Vor allem des Krieges und der Lebenseinstellung der Nazis wegen. Immer sage ich mir, ich hätte da nicht mitgemacht, hätte keine Juden beschimpft, keine NSDAP gewählt (als man noch wählen durfte), keine schwarz-weiß-rote Flagge gehisst, sondern die schwarz-rot-goldene, Zeichen des Widerstands, der Herrschaft des Volkes. Aber wer weiß. Ich könnte mir vorstellen, daß viele vom Gewissen unbescholtene Deutsche, die heute gegen die Vorstellungen von damals sind, in Wahrheit doch mitgelaufen wären. Damit will ich wahrlich niemandem etwas böses unterstellen. Wahrscheinlich wäre es mir selbst genauso ergangen. Vielleicht hätte auch ich auf die Juden geschimpft, auch wenn ich es mir heute nicht im entferntesten vorstellen kann.

Aber die Einstellung der Nazis führte ja nicht nur zum Verderben der Minderheiten, sie führte auch zum Zweiten Weltkrieg und somit zum Tod von 55 Millionen Menschen. Das kann man sich heute nicht mehr vorstellen. 55 Millionen Menschen, daß sind fast so viele, wie Westdeutschland insgesamt Einwohner hatte. Noch heute spüren wir sehr deutlich, daß viele deutsche Männer gefallen sind. In den goldenen Jahren brauchten wir Gastarbeiter, da uns Arbeiter fehlten, heute haben wir mehr Rentner als junge Leute, mehr weibliche als männliche Rentner. Wir sollten aber nie vergessen, daß wir Deutschen uns in den 55 Millionen Menschen fast verlieren. Der große Teil waren Russen, Juden. Unglaublich, wie viele Menschen in sechs Jahren sterben können, wie unglaublich lang die deutsche Front damals war. Die großen europäischen Städte lagen in Trümmern, in Deutschland sah es schließlich noch wesentlich schlimmer aus als bei unseren Nachbarn, da die Alliierten, allen voran – wie immer – die Amerikaner, kurz vor dem Ende des Krieges unbedingt noch alle Städte dem Erdboden gleichmachen mußten. Damit will ich auf keinen Fall Haß gegen die Alliierten schüren. Auch sie haben vieles getan, daß ich nicht ganz mit meinem Gewissen vereinbaren könnte. Aber Hitler mit seiner Politik der verbrannten Erde war wesentlich schlimmer. Froh soll er sein, daß er sich noch selbst um sein Leben bringen konnte. Ich hätte mich in den Dreißigern gerne einmal mit ihm unterhalten. Kurz bevor ich ihn umgebracht hätte. Aber wer weiß, wie unsere Welt heute aussähe, wenn es den Zweiten Weltkrieg nicht (in der Form und zu der Zeit) gegeben hätte. Ich würde heute nicht leben, so viel steht fest. Soll ich also froh sein, daß alles so gekommen ist? Warum eigentlich nicht. Das vergangene ist vergangen. In ein bis zwei Generationen gibt es niemanden mehr, der den Krieg miterlebt hat, niemanden, der Angehörige durch ihn verloren hat. Vielleicht haben wir uns dann alle gegenseitig verziehen. Ich meine nicht den heutigen Zustand. Heute gibt es immer noch viele, die uns Deutsche dafür hassen. In der Schule lernt ein deutsches Kind immer noch, daß es persönlich verantwortlich ist für die Geschehnisse von damals. Die Generation meiner Eltern hat schon nicht mehr viel mit damals zu tun, aber ich kann doch für mich behaupten, mit der Geschichte abgeschlossen zu haben. Meine Lebenseinstellung weicht so grundlegend von der meiner Verwandten ab, daß ich wohl kaum in irgendeine, wie auch immer geartete, Richtung verzogen worden sein könnte. Das soll natürlich keineswegs heißen, daß wir nicht von unserer Vergangenheit lernen können. Trotzdem ist Hitler nur eine Erfahrung von vielen, die uns Deutsche betreffen. Man lernt fast nichts mehr über den Krieg 1870 oder ähnliches, die mit entscheidend waren für unsere Entwicklung. Viele sagen, diese Meinung sei falsch. Ein neuer Hitler hätte es heute genauso leicht wie 1933. Andere behaupten, wir würden nie wieder auf so etwas hereinfallen. Ich denke aber, daß die Wahrheit irgendwo dazwischen liegt. Unsere Arbeitslosenzahlen entwickeln sich im gleichen Maße schlecht wie damals, auch hier und heute sind alle mit der Politik unzufrieden. Damit will ich nur sagen, daß es nicht hundertprozentig ausgeschlossen werden kann, daß Leute wieder nach rechts wandern, politisch gesehen. Man sollte nicht vergessen, daß es viele Organisationen und Parteien gibt, die meisten aber nicht alle davon verboten, die eine ähnliche oder gar die gleiche Programmatik besitzt wie die NSDAP damals. Republikaner, DVU und NPD beispielsweise sind noch nicht verboten, die letzteren beiden sind aber eindeutig extremrechtsextrem. Bei den REPs ist man sich da leider immer noch nicht so sicher, in Bayern werden sie vom Verfassungsschutz überwacht. Die DVU schiebt es offiziell immer wieder auf einzelne Parteimitglieder.

Irgend jemand hat schließlich immer schuld. Oder heißt es, irgend jemand hat schließlich immer Schuld? Rechtschreibreform. Schade eigentlich, daß man die Schuld immerzu erst bei den anderen sucht. Aber wo wir gerade beim Thema Schuld sind, könnte ich eigentlich einmal mehr meinem Unmut über die Arroganz der Vereinigten Staaten Platz machen. Ich persönlich wüßte es sehr zu schätzen, wäre die Bundesrepublik Deutschland unbewaffnet. Ich denke, daß dieMilliarden auch woanders gut hätten eingesetzt werden können. Damit möchte ich jetzt nicht mit dem Thema Wehrpflicht anfangen, denn darüber könnte ich stundenlang schreiben, ohne daß es irgend jemanden interessieren würde. Mir geht es darum, welche Gründe nach dem zweiten Weltkrieg zur Wiederbewaffnung Deutschlands geführt haben. Das Ausland hätte froh sein müssen, daß Deutschland keine Armee hatte, die Deutschen konnten auch froh sein. Ich denke, daß ein Industrieland ganz gut ohne Armee leben kann. Ich benutze übrigens ungerne das Wort Bundeswehr, da es einfach nicht zu passen scheint. Die Bundeswehr hat nicht nur noch nie etwas abgewehrt, nein, seit kurzem ist sie auch wieder international in Kampfeinsätzen. Was soll das? Hat eigentlich unser toller Volker Rühe noch nie das deutsche Grundgesetz gelesen? Sollte er einmal. Stehen interessante Sachen drin. Sachen, die jeder versteht, sogar Rühe. Wahrscheinlich. Sachen wie „ey Bundeswehr nur Verteidigung, wo!“ und „nich töten tun andere Leute die nich uns angreifen“ und so. Aber egal. Stört sich so wie so keiner dran. [Anmerkung November 1998: Jetzt, ein Jahr und eine Regierung später. Der nächste Armeeminister, Rudolf Scharping. Meiner Meinung nach nicht gerade geeignet als Militätminister. Erste Aussage: ey, nimm mir kein Geld weg. Ist alles toll wie es ist. Bald machen wir mal wieder ein bißchen Frieden im Kosovo. Unsere Regierung ist so rot wie Kohl(e).] Ich schweife ab, aber schweife ich ab? Man darf ja wohl noch mal seine Meinung sagen. Darf man, laut Grundgesetz. Ich empfehle jedem, sich einmal etwas genauer mit der Entstehung der Bundeswehr zu beschäftigen. Ich habe es voreinigen Jahren getan (übereifriger Geschichtslehrer, dank dir!) und war wirklich überrascht. Also richtig überrascht, meine ich. Tolle Geschichten von geheimen Briefen zwischen hohen amerikanischen Militärs und dem amerikanischen Präsidenten, zwischen hohen deutschen Politikern, die den Amerikanern sehr loyal gegenüberstanden, und Amerikanern, die Deutschland kontrollierten. Teilweise kommen auch Menschen vor, die keine US-Bürger waren. Ja, wirklich, es gab Nicht-Amerikaner. Aber die hatten nicht viel zu sagen.

Ich hatte mir Notizen zum Thema ‚Tunnel‘ gemacht: ‚Abhörtunnel in Berlin. Tunnelräuber. Postüberfall Schweiz 30 Mio., Tunnel. Privatfernsehen (abgesetzt!): Politikerfrauen…‘. Wie kam ich auf Tunnel? Ach ja, wir befinden uns ja im Kapitel ‚Kalter Krieg‘. Letztens wurde bei Bauarbeiten in Berlin, direkt unter dem ehemaligen Grenzbereich, ein Abhörtunnel gefunden. CIA und Russen gaben sofort Statements dazu ab. Sehr interessant. Mal sehen, ob ich das noch vollständig und richtig auf die Reihe bekomme. Die CIA baute einen Tunnel, mit der sie an Telefonleitungen Ost-Berlins herankommen wollte, ich glaube, es war 1953 oder so. Durch einen Doppelagenten erfuhr der KGB davon, unternahm aber offiziell nichts, um seinen Doppelagenten nicht zu verraten. Also wurden nur die Telefonate umgeleitet. Damit die CIA auch davon nichts merkte, wurden nur noch unwichtige Telefonate über die angezapfte Stelle geleitet. Heute können die damals zuständigen Agenten leicht darüber reden. Damals ging es um Leben und Tod sowohl der Agenten als auch der Bevölkerung. Auch psychologisch wurde uns eingeheizt, den Ossis genauso. Man erzählte uns, die Sowjets seien Schuld. Ihretwegen sei Deutschland gespalten. Davon abgesehen hat uns nie einer erzählt, daß wir einmal eine Wiedervereinigung erleben könnten. Wir wurden marktwirtschaftlich erzogen, man sagte uns, wir seien besser als Ostdeutschland. Westdeutschland, Westdeutschland über alles. ‚Made in West Germany‘ zählte noch etwas. Man berichtete uns von der Armut des Ostens, vom zum Untergang verurteilten System der Sowjetunion. Markt war Gott, Kommunismus der Teufel. Sozialismus war noch schlimmer. Es ist bezeichnend, daß wir erst seit der Wende (woher stammt überhaupt diese blöde Bezeichnung?) etwas über die Idee des Kommunismus lernten. Erst dann gab man zu, daß die Idee gut war. Im Osten gab man dem Sozialismus die Schuld, außerdem der Tatsache, daß Kommunismus nur weltweit funktioniert. Dort wurde übrigens auf die Wessis geschimpft, weil diese Kapitalisten- Schweine seien, vom Geld und Wohlstand besessen, andere ausbootend. Nach der Wende waren wir die ‚Besserwessis‘ – von Besserwisser –, da wir uns aufführten, als ob wir letztendlich doch gewonnen hätten. Der Abhörtunnel zeigte, daß die Deutschen zu lange von den Alliierten erzogen wurden. Verzogen.

Apropos Tunnel. Nur so nebenbei; ist mir zu Tunnel eingefallen. Vor ein oder zwei Jahren der ‚Tunnelräuber- Prozess‘. Alle gefaßt, obwohl es gut durchdacht war. Unwichtig? Letztens der Postraub in der Schweiz. 30 Millionen D-Mark oder so. Die sind einfach in eine Züricher Poststelle gefahren und haben die Kisten mit dem Geld eingeräumt. Keiner fand das ungewöhnlich. Die Räuber mußten die Post kennen, sonst hätten sie nicht gewußt, wie alles ablief und wo die Kameras installiert sind. Unverfrorenheit. Aber schließlich doch gefaßt. Das war der zweitgrößte Postraub der Geschichte, der erste war meiner Erinnerung nach der Postzugüberfall eines Briten war etlichen Jahrzehnten. Aber wieder zurück um Tunnel und zum Thema. Im nächsten Kapitel.


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