Salzige Heringe

III. Europa, die Wirtschaft und die Europäische Währungsunion

Wer sein Geld vermehren möchte, legt es ganz bestimmt nicht in Sparbüchern an. 79% der Deutschen legen ihr Geld in Sparbüchern an. Aktien sind ja schließlich zu spekulativ. Darum investiert ja auch jede Bank in Aktien und fährt damit 15 bis 20% Rendite, manchmal mehr, manchmal weniger. Schwankend = spekulativ?

Die Rente ist sicher. Das hat Bundesarbeitsminister Norbert Blüm („Nobbi“) heute einmal mehr in der Debatte um seine neue Rentenreform erklärt, völlig von sich überzeugt. Es machte ihm nichts aus, von der Opposition ausgelacht zu werden. Es ist ja schließlich nicht das erste mal, daß die Rente sicher ist. Das hat unser Nobbi vor Jahren schon einmal erzählt. Heute reicht die Rente nicht einmal, um ohne Sozialhilfe leben zu können. Deshalb wird sein Gesetz auch angenommen. Was, das verstehen Sie nicht? Das ist Politik. Für diese kleine Änderung, die Blüm vornehmen möchte, reicht eine einfache Mehrheit aus, d.h. mit Unterstützung der FDP bringt die CDU so etwas durch. Leider ist es bei der Steuerreform anders. Hier hat der SPD- regierte Bundesrat alles verhindert, was uns einen Schritt hätte weiterbringen können. Also kann man schließen, daß es immer so ist, wie es nicht sein sollte, nämlich nicht gerade optimal. Die kleine Änderung ist übrigens folgende: Blüm will die Rente um den Faktor absenken, um den das durchschnittliche Lebensalter der Deutschen steigt. Die Opposition weist darauf hin, daß vor Jahrzehnten schon eine andere Regelung eingeführt wurde, um diesem Problem zu begegnen, aber egal. Leider hat sie nicht genau genannt, was damals gemacht wurde, da ich gerne mehr darüber wüßte. Aber kann ich etwas ändern? Blöder Spruch. Jeder ändert irgend etwas. Die kleinen Dinge zählen. Wir machen die Stimmung. Was aber nicht heißt, daß die Stimmung gut ist. Nicht unbedingt. Ich für meinen Teil verachte einen nicht geringfügigen Teil der politischen oder wirtschaftlichen Aussagen meiner Verwandten. Der Unterschied zwischen den Generationen ist enorm, aber leider gehöre ich zur jüngeren Generation. Ich kann zwar wählen gehen, doch gegen die Rentner habe ich keine Chance. Einfach zu viele. Zu verschränkt, teilweise beschränkt. Zu veraltete Vorstellungen. Noch zu viele Nazis, aber das meinte ich eigentlich nicht. Fehlgeleitete gibt es auch in der Generation der 40 bis 50- jährigen genug. Aber was soll es denn. Es interessiert überhaupt nicht, ob ich wählen gehe oder nicht. Viele sagen, die Wahlergebnisse würden verfälscht, wenn jeder so denken würde wie ich, wenn die Wahlbeteiligung unter die Hälfte sinken würde. Aber seien wir mal ehrlich. Bei Bundestagswahlen macht eine Stimme nun wirklich keinen Unterschied. Und da gibt es noch zwei Argumente, die dagegen sprechen, wählen zu gehen. Erstens kostet es Zeit und Geld. Uns kostet es Zeit, was wahrlich nicht so tragisch ist, aber den Steuerzahler, also wieder uns, kostet jede Stimme einige Mark. Das Geld ist mir zu schade. Mittlerweile gibt es Vorstöße einiger Bundesländer, in denen jetzt auch schon Minderjährige ab dem Alter von 16 wählen dürfen, damit mehr Geld in die Parteienkassen fließt. Rein theoretisch wäre ich dafür, doch gibt es erstens viel zu viele unvernünftige Jugendliche und zweitens brauchen wir eine einheitliche Regelung. Außerdem sollte man den logistischen Aufwand nicht vergessen, der auch wieder Geld kostet. Der zweite Grund für mich, nicht wählen zu gehen, wäre der, daß es doch keine Partei gibt, der ich das Regieren zutrauen würde. Jetzt bin ich für Sie wohl der asoziale Nichtwähler, was? Dazu kann ich nur sagen, daß ich bisher immer wählen gegangen bin. Paradox? Schizophren? Kann sein. Vielleicht wollte ich aber auch nur zum Ausdruck bringen, daß ich es nicht für nötig halte, wählen zu gehen, um sein Seelenheil zu erlangen. Die politische Erziehung ist nicht schlecht, doch den eigenen Verstand konnte man mir bisher nicht verbieten.

Aber wieder zur Wirtschaft. Nein, nicht in die Kneipe. Ich meine die Marktwirtschaft. Nicht die Kneipe am Markt. Aber ein treffender Vergleich. Die Broker an der Börse erinnern doch stark an Marktschreier, nicht wahr? Obwohl heute mittlerweile ein großer Teil der Börsengeschäfte über Computer läuft. An der Börse hängt viel. Schwarzer Freitag, Schwarzer Sonntag, Börsenkrach. Weltwirtschaftskrise während der Weimarer Republik. Kann es wahr sein, daß alles an der Börse hängt? Nein, alles bestimmt nicht. Seit langer Zeit befinden wir uns in einer Hausse, d.h. die Aktienkurse klettern und klettern seit Monaten. Die Unternehmen und ihre Anteilseigner verdienen sich eine goldene Nase, aber es gibt immer weniger Arbeit. Shareholder-value nennt man das. Die Unternehmen benutzen ihre Gewinne nicht weiter zum Ausbau des Unternehmens und zum Schaffen von Arbeitsplätzen, sondern benutzen einen Teil des Geldes, um zu rationalisieren, d.h. die Belegschaft durch Maschinen oder billigere Arbeitskräfte zu ersetzen, dadurch den Gewinn weiter zu optimieren und diesen den Anteilseignern zu überreichen. Diese leben im Luxus, während das Volk verhungert. Hört sich jetzt dumm an, aber tatsächlich sterben jeden Winter Dutzende Deutsche wegen Hunger und Kälte. Nicht jeder hat ein Dach über dem Kopf. Immer mehr haben kein Dach über dem ihrigen. Das habe ich auch beobachtet. Von Jahr zu Jahr mehr Obdachlose, Punks in der Innenstadt. Immer mehr Schnorrer, junge Leute. „Hasse ma ne Mark?“ hört man ein Dutzend mal während eines Einkaufsbummels. Aber ich bummele nicht mehr so oft wie vor einigen Jahren. Vielen ergeht es so. In den letzten Jahren zweistellige Besucher- und Umsatz- Rückgänge in der Dortmunder Innenstadt. Wertvolle Grundstücke liegen brach, das Interesse an Dortmund, besonders an der City, schwindet.

Ebenso schwindet langsam das Interesse an Europa. Meine Generation wurde relativ europäisch erzogen, speziell nach der Wende. Meine Eltern sind von Europa nicht ganz so begeistert, deren Eltern allerdings überhaupt nicht. Deutschland, Deutschland über alles. Natürlich hat die EU bisher auch Nachteile für uns bedeutet, aber ich sehe in einem vereinigten Europa nicht nur eine wirtschaftliche Union, auch die Menschen wachsen zusammen. Bildlich gesehen natürlich. Ich mag keine Isolationisten, ich liebe Multikultur. Pizza, Gyros, Döner, Spaghetti,…

Jetzt mal etwas aktuelles. Wir schreiben den 28. Oktober 1997, na ja, eigentlich schon den 29., aber das soll uns jetzt mal bitte nicht stören. Gestern, am 27.10.97, wurde der Handel an der Wall Street ausgesetzt, nachdem die Kurse um fast 5% im Durchschnitt gefallen waren. In Asien lief es noch schlimmer, der DAX fiel auch erst einmal ins Bodenlose. Grund war ein absoluter crash an der Börse in Hong Kong, der sich sofort weltweit ausbreitete. Kostolani, der heute 92- jährige Börsenmogul, hatte zufälligerweise vorher alle seine Aktien verkauft. Ich habe Aufnahmen in Stern-TV gesehen, wie ungläubig, geschockt, hysterisch die Börsianer in Hong Kong reagierten, als sie auf der Anzeigetafel sahen, daß der Kurs in den letzten Minuten um fast 500 Punkte gefallen war (zum Vergleich: DAX momentan zwischen 3200 und 4200 Punkten). Heute mittag haben wir (dazu gleich) vom Terminal in der Uni aus ein wenig im Internet gesurft (www.exchange.de), da waren die Kurse schon wieder leicht angestiegen. Auf Einslive lief den ganzen Tag irgend etwas darüber, daß die BVB- Aktien, d.h. die fiktiven Aktien des Ballvereins Borussia Dortmund, noch wesentlich tiefer gefallen sind, da der BVB heute 1:2 gegen Trier (Amateure) verloren hat. Der BVB war letztes Jahr Sieger der European Championsleague, davor zweimal Deutscher Meister. Momentan stehen sie doch tatsächlich relativ sicher auf einem Abstiegsplatz. Sensationell, was so ein neuer Trainer bringt. Aber damit kommen wir doch ein wenig vom Thema ab. Ausgesetzt wurde der Handel an der Wall Street, weil man einen crash wie 1987 verhindern wollte. Aber es war klar, daß die Kurse auch mal irgendwann fallen würden, da sie die letzten Monate kontinuierlich stiegen, ohne auch nur einmal eine Mark an Wert zu verlieren. Die Kurse liegen jetzt immer noch weit höher als vor einigen Monaten, auch wenn sie stark gefallen sind. Marco hat Glück gehabt. Ein ehemaliger Schulkollege, der jetzt mit mir zusammen Wirtschaftsmathematik studiert, hatte seine Aktien im Wert von über 20000 DM vor einigen Tagen verkauft. Als er gestern abend vom Fall hörte schickte er noch schnell einen Kaufauftrag für BMW-Aktien ab und kaufte diese beim Tiefstand. Der Kerl macht echt Geld mit dem Mist. Aber lustig, daß die Börse mal wieder einen drauf bekommen hat, vor allem, weil ich gestern noch über dieses Thema geschrieben habe. Hart ist dies nur für die Dummen, die jetzt ihre Aktien verkaufen. Seit den Emissionen der T-Aktie und der Lufthansa- Aktien gibt es doch tatsächlich einige Kleinanleger in Deutschland, von denen haben viele nicht viel Ahnung von der Sache. Für 80 DM gekauft, zwischenzeitlich auf 100 DM gestiegen. Jetzt der crash, also sofort verkaufen. Für 50 DM. Quatsch. So ein Börsen-Zusammensturz ist das beste, was uns passieren kann. Jetzt heißt es investieren. Die Kursverluste sind in einigen Wochen wieder drin. Ich habe von der ganzen Sache leider erst heute morgen im Auto, auf dem Weg zur Universität, erfahren. Ich überlegte, ob es sich für mich wohl lohnen würde, jetzt einzusteigen, aber erstens habe ich zu wenig Ahnung und zweitens zu wenig Geld. Die Verwaltungsgebühren der Banken für ein Aktien- Depot sind ja horrend. Da muß man schon etwas mehr anlegen. Das Risiko wäre mir egal, aber leider habe ich nicht sofort reagiert. Als ich, wie schon erwähnt, einige Stunden später nach dem DAX sah, hatte er sich schon wieder etwas erholt. Zu spät. Das heißt nicht, daß man dann nicht immer noch zugreifen könnte, aber dann hätte ich mich auf ewig geärgert, daß ich nicht drei Stunden früher bei der Bank war. Also was soll es denn. Ich finde diesen Sturz ganz gut, er bringt die Aktienmärkte wieder ein wenig ins Gleichgewicht. Es kann ja nicht funktionieren, daß die Börsen nur boomen und die Kurse nie sinken. Ein wenig frischer Wind weht uns jetzt entgegen. Hätte ich Geld, würde ich es beim nächsten crash anlegen. Marco hat mir seine Kontoauszüge gezeigt. Aber Marco war schon immer Geschäftsmann, auch wenn er nicht so aussieht. Was ich damit sagen will, er ist eigentlich nicht seriös, macht aber trotzdem ganz gut Geld. Ach, ich hoffe man versteht mich. Hat man mich verstanden? Oder wie sagte Nietzsche? Gott ist tot, sagte Nietzsche. Nietzsche ist tot, sagte Gott. Nicht witzig? Marco hatte schon kurz vor dem Abitur über 18000 DM auf dem Konto, er führte eine Trinkhalle, die seine Eltern vorher verpachtet hatten. Leider steckte da sehr viel Arbeit drin und somit hat er jetzt wieder die gleichen Vorlesungen wie ich, obwohl er schon im dritten Semester ist. Phantastisch finde ich übrigens immer wieder, mit welch einem Sensationswahn die Medien über so einen Börsenkrach berichten, was mich zum nächsten Thema bringt.


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